Über den Film

Synopsis

Inga wächst in einem kleinen Dorf in Mecklenburg auf. Ihre Mutter Anne ist laut Erzählung der Großeltern in der Ostsee ertrunken. Eines Tages taucht der Literaturprofessor Robert in Ingas jetzigem Wohnort Malchow auf und behauptet, Anne vor ein paar Jahren in Konstanz getroffen zu haben. Für Inga brechen Welten zusammen, als sie entdeckt, dass Robert Recht hat. Das ganze Dorf scheint von Annes Flucht in den Westen gewusst zu haben. Aber was ist damals wirklich passiert? Inga trifft auf Schweigen, Verdrängung, Schuldgefühle. Warum hat ihre Mutter sie damals in der DDR zurückgelassen? Inga bittet Robert, ihr bei der Suche nach Anne zu helfen. Eine Spurensuche quer durch Deutschland beginnt, bei der immer deutlicher wird, dass Roberts Auftauchen in Ingas Leben kein Zufall ist.

 

Info

Der Debütfilm von Christian Schwochow gehört zu den außerordentlichsten deutschen Filmen des Jahres. Die hochspannende und berührende Geschichte einer jungen Frau (Anna Maria Mühe), die ihre Mutter sucht, wurde in Saarbrücken bei den Max Ophüls Filmtagen und dem Filmkunstfest Schwerin unter tosendem Applaus mit den Publikumspreisen ausgezeichnet.

„Novemberkind“ ist ein Schauspieler-Film, den die Zuschauer nicht so schnell vergessen werden. Er zeigt das große schauspielerische Potenzial von Anna Maria Mühe. So prägnant, so sensibel, so stolz und widerborstig ist lange keine Frauenrolle im deutschen Film mehr angelegt und gespielt worden. Für ihre Darstellerleistung erhielt Anna Maria Mühe beim Filmkunstfest Schwerin den Preis für die beste Nachwuchsdarstellerin.

„Novemberkind“ schlägt ein bis heute noch relativ unbekanntes Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte auf: die Trennung von Familien durch die Flucht eines Mitgliedes aus der DDR und die Schwierigkeit, diese Trennung nach der Wiedervereinigung zu korrigieren.

 

Christian Schwochow über den Film

„Schon wieder ein Ost-Film? Muss das sein?“ Es muss.

Im Herbst 1989 war ich elf Jahre alt. Wir saßen auf gepackten Kisten. Meine Eltern hatten einen Hinweis bekommen: Der Ausreiseantrag konnte jeden Tag genehmigt werden. Im Unterricht stritten wir über die Demonstrationen, die allabendlich zu Treibjagden durch die Berliner Straßen wurden. Meine Lehrer verteidigten die Gewalt der Polizei, viele Mitschüler auch. Einige Väter waren selbst Polizisten. Eine seltsame Zeit: Mit elf Jahren bist du zu alt, dass die große Politik an dir vorbei gehen kann, aber zu jung, um sie zu verstehen. Keine Zeit hat mich stärker geprägt als diese.

Dann kam der 9. November. Die Freunde meiner Eltern sagten: „Wie könnt ihr jetzt gehen? Jetzt, wo all das möglich wird, wofür wir solange gekämpft haben?“ Aber wir packten die Kisten nicht wieder aus. Wir zogen nach Hannover. Ich war der erste Ostler an der neuen Schule. Wenn über das System der DDR geschimpft wurde, verteidigte ich das Land, das meine Eltern am Ende so abgelehnt hatten. Das mache ich noch heute.

Die frühen 90er wurden ruhiger, Ost und West – das waren Begriffe, über die in Hannover keiner sprach. Damals bin ich im Westen angekommen. „Du siehst gar nicht aus wie ein Ossi“, diesen Satz habe ich sehr oft gehört. Wenn ich alte Freunde aus Berlin traf, merkte ich, dass wir uns voneinander entfernt hatten. Ich sei ein richtiger Westler geworden, sagten sie.

Das saß. Je älter ich wurde, um so öfter machte ich mich auf die Suche nach vertrauten Orten, nach Gerüchen, die ich aus der Kindheit kannte. Ich nähte mir eine DDR-Fahne auf die Jacke und trug ein Lenin-Abzeichen.

1998 zog ich nach Berlin zurück. Ich fühlte mich zuhause. Bis heute sagen viele Freunde: „Du bist nur ein halber Ostler“. Sie sagen es im Scherz, aber irgendwie auch nicht.

In den letzten Jahren ist die Abgrenzung gegen den Westen immer stärker geworden. Man studiert in München oder Heidelberg, aber kultiviert trotzdem einen Hass auf die Schwaben, die den Prenzlauer Berg bevölkern. Ich verstehe diesen inneren Widerspruch und gleichzeitig macht er mich wütend. Die Unterschiede zwischen Menschen in Ost und West werden nicht als Chance oder Geschenk – sie werden als Bedrohung empfunden. Was bin ich heute – nach 18 Jahren Einheit? Ein Gesamtdeutscher? Gibt es so etwas?

Ich denke gern an Ferienlager, Spreewaldgurken und all die lustigen Bräuche und Rituale zurück, aber die DDR war mehr. Nur was? Ein Land, so suggerieren Filme heute, das aus Stasitätern auf der einen und Oppositionellen auf der anderen Seite besteht? Ja, bestimmt. Aber nicht nur. Wir sehen heute das Schreckliche und das Kuriose – die Vergangenheit wird zum Event verkleinert. Es entsteht ein Geschichtsbild, das irgendwann nicht mehr viel mit der DDR zu tun haben wird.

„Schon wieder ein Ost-Film? Muss das sein?“ Ich wollte einen Film machen, mit dem ich mich selber auf eine Suche begeben kann. Mit dem ich mir und anderen Fragen stellen kann, die auch weh tun oder wütend machen. Will ich mit einer Lüge leben, wenn doch alles ganz gut funktioniert oder stattdessen die Wahrheit einfordern, auch wenn damit Schmerz und Enttäuschung verbunden sind? Es ist die Frage nach dem richtigen Leben im Falschen. Und diese Frage ist nicht an die DDR und ihr Danach gebunden. Deshalb ist Novemberkind kein Ostfilm geworden.